Wie funktionieren Verhaltensänderungen?
Erkenntnis, Verstehen und Einordnen können hat eine gemeinsame Basis: Der vernünftige, organisierende und logisch denkende Teil des Gehirns im vorwiegend präfrontalen Kortex. Hier werden viele der Handlungen vollzogen, die wir als intelligent betrachten wie Kopfrechnen, logische Schlussfolgerungen und das Analysieren, einordnen und Widerlegen mit sachlichen Argumenten. Dieser Teil des Gehirns hat einen kleinen Nachteil: Wir können nicht immer auf ihn zugreifen. Zum einen gibt es Schutzreaktionen des Körpers, die das verhindern und psychische Dynamiken, die ein Zugreifen auf diese Form der Intelligenz unmöglich machen. Das Ergebnis stellen wir immer dann fest, wenn wir den Unsinn oder Disfunktionalität einer Handlung verstehen, aber trotzdem unsere Verhaltensmuster nicht verändern durch diese Einsicht. Ist man also dumm?
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Verstehen und Handeln sind nicht immer gekoppelt
Wenn wir verstehen, warum etwas sinnvoll oder wichtig ist, dann können wir auch danach handeln? Schöne Idee, die aber voraussetzt, dass Vernunft und emotionale Bedürfnisse gleichgeschaltet sind. Wäre das so, würden wir nie mehr zu einem einzigen Glas Wein greifen oder jemals wieder süßen Kuchen essen oder zum Kühlschrank gehen, wenn uns langweilig ist. Also sind wir unserem inneren Schweinehund ausgeliefert und was ist das überhaupt diese innere Instanz genannt Schweinehund, über den sogar Bücher existieren?
Handlungsmuster entstehen aus vielfachen Faktoren. Neben rationalen Überlegungen spielt dabei unser Nervensystem eine zentrale Rolle. Denn der Zustand unserer internen Balance zwischen Anregung und Ruhezustand ist entscheidend dafür, ob wir mit Situationen des Alltags als normal oder alarmierend wahrnehmen und darauf reagieren. Es geht also weniger darum, wie eine Situation tatsächlich real ist, sondern für unser Nervensystem ist es ausschließlich entscheidend, wie eine Situation oder ein Zustand gefühlt wahrgenommen wird.
Wahrnehmung ist das, was wir als Wahrheit durch unsere Brille annehmen
Da unsere Erinnerung bestimmte Situationen, Blicke, Worte, Gerüche oder sogar Farben und jedes andere beliebige Detail als Aufhänger für komplizierte Geschichten abspeichern kann, wird klar, was Wahrheit in unserer Erinnerung ist: Ein komplexer Speicher an Tatsachen und Gefühlen. Komplex, deswegen, weil unsere Erinnerung laut Gehirnforschung kein Festspeicher für Abläufe wie eine objektive Dashcam mit digitaler Speicherkarte ist. Sondern Erinnerung wird durch jede Erzählung an sich selbst oder andere leicht verändert neu geschrieben. Kompliziert mag eine Situation sein, aber komplex wird die Erinnerung deswegen, weil sie formbar und veränderbar ist und wir es nicht einmal bemerken. Deswegen braucht es, um Veränderungen zu bewirken, erst einmal Wahrnehmungstraining. Training heißt in diesem Fall nicht, dass es sportlich wird (wobei das auch sehr hilfreich ist), sondern mehr Aufmerksamkeit auf alles Wahrnehmungsinstanzen im eigenen Körper.

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Wahrnehmungsinstanzen im Körper
Die oberste Wahrnehmungsinstanz im eigenen Körper ist die Propriozeption, also die Eigenwahrnehmung aller inneren Reize. Das beginnt vom inneren Wärmegefühl bis zur Druckwahrnehmung. Die Wahrnehmung zu schulen bedeutet insgesamt äußere und innere Reize zusammenzuführen und abzugleichen. Unser Gehirn ist im Körper für die Sicherheit des gesamten Systems zuständig. Wie eine Leber oder ein Herz bestimmte Aufgaben im Körpersystem hat, ist es das Gehirn, das Wahrnehmung koordiniert und dem eine Bedeutung beimisst, um eine Einschätzung vornehmen zu können. Was wir als wahr nehmen ist also die Entscheidungsgrundlage für unser System, um Handlung und Reaktion aufzusetzen und zu konstellieren. Dabei sind wir nicht nur vielen neutralen Reizen ausgesetzt, sondern vor allem solchen, die uns zu bestimmten Handlungen veranlassen sollen oder akut Handlungen auslösen. Eine rote Wand löst auf einer kaum wahrnehmbaren Ebene ein Wärmegefühl in uns aus. Eine Feuerwand löst normalerweise akute Fluchtreaktionen aus.
Unser Gehirn ist ein Meister der Musterkennung und Verknüpfung
Schwierig wird es, wenn diese Animationen aus früheren Erinnerungen miteinander verknüpft sind. Das läuft dann wie eine konditionierte Handlung ab, als hätte man einen Hund abgerichtet und trainiert. Rote Wand bedeutet dann gleichzeitig Flucht. Da unser vernünftiger Teil des Gehirns aber natürlich weiß, dass eine rote Wand nur eine gefärbte Oberfläche ist, entsteht eine Dissonanz im Körper, weil die Bedeutung vermischt mit der handlungsauslösenden Erinnerung zu einem Wahrnehmungsflash verknüpft ist. Schokolade bedeutet dann süßes Wohlgefühl mit Zufriedenheit. Ein Glas Wein suggeriert körperlich Leichtigkeit und heitere Beschwingtheit mit der Ordnung und Einschränkung der Gedanken. Gerade diese Impulse aus der erfühlten Wahrheit prägen unser Handeln. Eine Stimme aus dem präfrontalen Kortex, die uns mitteilt, dass Schokolade nur in geringsten Mengen für den Körper sinnvoll ist oder dass Alkohol in jeder Menge dem Körper und vor allem dem Nervensystem schadet, verhallt im Nirvana.
Was bedeutet das für das System fragt sich das Gehirn 1000 mal pro Minute
Grundlagen der Veränderung sind also Wahrnehmungstraining und im gleichen Ausmaß ein Überprüfen der Bedeutungsgebung dieser Wahrnehmung. Erst dadurch, dass wir einer Wahrnehmung eine Bedeutung geben, entsteht ein Handlungsimpuls. Werten wir eine harmlose Frage nach der Herkunft als Neugierde und Interesse, reagiert unser System gelassen oder vielleicht sogar geschmeichelt. Hören wir daraus investigative Gedanken, die in ausgrenzenden Handlungen und Ungerechtigkeit und Ohnmacht münden, wird die Reaktion auf die gleiche Frage Angst, Unsicherheit und Alarmbereitschaft.
Dann kommt noch eine weitere Komponente dazu. Eine Bedeutung, die also das Gehirn zugemessen hat, erzeugt ja zunächst ein Gefühl oder eine Emotion, aber noch nicht eine Handlungslogik. Angst beispielsweise erzeugt im Körper ein Gefühl der Enge (lat.: angus eng) und als natürliche Antwort, also z.B. ein Schulternhochziehen, um das herz zu schützen, eingeschränktem Atem und Erstarrung ober zumindest eine Handlungshemmung.
Alle Handlungsmuster sind intelligent, aber nicht unbedingt jetzt und so
Was aber, wenn man in Kinderzeiten gelernt hat die eigene Angst zu überwinden, weil das Überleben der eigenen wehrlosen Geschwister daran geknüpft war? Dann entsteht eben keine Angst als Handlungsantwort des Systems, sondern Wut und Aggression, um sich selbst und andere verteidigen zu können. Die Angst ist zwar auch vorhanden, verschwindet aber komplett in den Hintergrund der Wahrnehmung und das einzig spürbare ist der Adrenalinspiegel mit den Kampfimpulsen.
Alle aufgezeigten Mechanismen ergeben Sinn im System und haben eine lange Historie, warum sie sich genau so entwickelt haben. Das tragische dabei ist, dass wir erst im Austausch mit anderen diese Muster sehen können und in Zusammenarbeit mit einem traumasensiblen Therapeuten aufarbeiten und verändern können. Denn jedes einzelne komplexe Muster folgt einer anerlernten und oft überlebensnotwendigen Konsequenz. Was wir sehen ist die konkrete Auswirkung und jede logische Versuch komplexe Muster zu erklären muss scheitern. Der Grund ist, dass eine Situation heute und jetzt von außen neutral betrachtet nicht automatisch zu unserer Handlungskonsequenz führen. Aber unser Nervensystem kann eben nicht so tun, als gäbe es die alten Erfahrungen nicht und handelt in alter Logik, unabhängig davon, ob dieses Muster heute und in dieser Situation überhaupt angemessen ist.
Raum zwischen Reiz und Reaktion schaffen
Genau das fasst die Maxime der Psychologie zusammen. Es geht darum zwischen einem Reiz, der aus der Wahrnehmung entsteht und der darauffolgenden Reaktion einen Handlungsspielraum erzeugen zu können, damit eben kein Automatismus abläuft, sondern eine der Situation und Brisanz angemessene. Doch wie funktioniert das genau?
Zunächst gilt es die Wahrnehmung zu schärfen und die eigenen Grenzen bewusst zu haben. Wer jahrelang , wahrscheinlich aus gutem Grund, gewohnt ist Körpersignale stummzustellen und zu ignorieren, braucht mehr Bewusstheit lange bevor sich Schmerzen oder Krankheit einstellen. Burnout, chronische Krankheiten oder Depression kommen selten aus dem Nichts. Das soll nicht heißen, dass Krankheit oder Schmerzen ausschließlich aus übersehenen Impulsen herrühren. Doch die Praxis zeigt, dass oft ein Zusammenhang besteht bei genauerer Betrachtung. Oft wurden unbewusst Grenzen überschritten, die ursprünglich aus guten Grund nicht beachtet werden konnten. Viele Menschen erleben z.B. Bezugspersonen in der Kindheit, die selbst mit ihrem Leben nicht klarkommen, völlig überfordert und im Dauerstress sind. Kinder entwickeln daraus Schuldgefühle und Verhaltensmuster, die die eigenen Bedürfnisse ignorieren, weil die der Bezugspersonen erst erfüllt werden mussten, um nicht in die Stressreaktion der überforderten Eltern zu fallen und damit noch viel schlimmere Zustände sich ergaben, als hätte man auf die eigenen Bedürfnisse gehört. Heute mag dieses Muster kaum noch hilfreich oder angebracht sein. Doch das zu erkennen und zu durchbrechen, schafft man meist erst mit fachkundiger Unterstützung. Also, um die Frage des Beginns zu beantworten.
Nein, Sie sind nicht dumm. Sie handeln aus einer alten Logik und Impulsivität, die heute nicht mehr angemessen oder notwendig ist.