Wie dein Körper Sicherheit wirklich wahrnimmt

Worte können hilfreich sein, um Gedanken und negative Gefühle zu verändern. Doch Sprache erreicht unser Nervensystem, das unsere Stimmung und unser Befinden maßgeblich motiviert, nur über zusätzliche körperliche Marker. Dein Nervensystem erzeugt Sicherheit aus vielen Ebenen der Wahrnehmung im Körper. Es orientiert sich an Signalen, die älter sind als Worte: Atem, Rhythmus, Bewegung, Berührung und Beziehung. Die Erklärung dafür ist einfach. Selbst, wenn wir widersprüchliche oder unterschiedliche Reize wahrnehmen, ist es lebenswichtig daraus eine kluge Schlussfolgerung zu ziehen. Wenn wir verstehen, wie unser Nervensystem auf diese Signale reagiert, entsteht oft ein anderer Zugang zu Selbstregulation, weniger über Kontrolle und mehr über Zusammenarbeit mit dem Körper. Uwe Linke arbeitet in Therapie und Coaching immer zusammen mit Ansprache des kognitiven Zugangs und dem Körper. Dadurch wird die Unterstützung schneller und deutlicher erlebt und umsetzbar.
1. Atem, der direkte Weg zum Nervensystem
Der Atem gehört zu den unmittelbarsten Formen der Kommunikation zwischen Körper und Nervensystem. Ohne dass wir darüber nachdenken müssen, verändert sich unser Atem kontinuierlich und unbewusst, je nachdem, wie sicher, angespannt oder belastet wir uns fühlen.
In stressigen Situationen wird die Atmung häufig flacher oder schneller. In Momenten von Ruhe und Sicherheit verlangsamt sie sich oft ganz von selbst. Besonders das langsame Ausatmen wird mit Entspannung und Regulation in Verbindung gebracht.
Deshalb kann eine regelmäßige Atempraxis hilfreich sein -nicht als Technik, um etwas zu erzwingen, sondern als Einladung an den Körper, einen anderen Zustand kennenzulernen. Bereits wenige Minuten bewusster Atmung können dazu beitragen, die Aufmerksamkeit wieder in den Körper zurückzubringen. Länger auszuatmen, als einzuatmen, versetzt uns automatisch in Ruhe und Beruhigung.
2. Rhythmus, weil Wiederholung Sicherheit vermittelt
Unser Nervensystem reagiert häufig positiv auf Vorhersehbarkeit. Rhythmus gehört zu den ältesten Erfahrungen von Orientierung und Stabilität.Schon früh erleben wir wiederkehrende Muster: Herzschläge, Bewegungen, Tagesabläufe oder die Erfahrung, dass jemand kommt und wieder geht. Rhythmus vermittelt Kontinuität und das bedeutet Sicherheit für den Körper.
Deshalb empfinden viele Menschen Tätigkeiten wie Gehen, Schwimmen, Schaukeln oder Musik als beruhigend. Der Inhalt trägt auch dazu bei, mehr aber noch die gleichmäßige vorhersagbare Wiederholung.
Wenn Bewegungen, Klänge oder Abläufe gleichmäßig werden, muss der Körper weniger Energie dafür aufbringen, ständig auf Veränderungen vorbereitet zu sein. So entsteht oft mehr Raum für Entspannung.
3. Berührung, weil Sicherheit körperlich spürbar wird
Berührung ist eine der ersten Formen von Kommunikation, die wir kennenlernen. Lange bevor wir Worte verstehen, erleben wir Nähe, Halt und Kontakt über den Körper (Prof.Grunwald „Homo hapticus“). Berührung, ob von anderen oder selbst, ist der Träger von Sicherheit. Unbewusst berühren wir uns ständig selbst: Eine Hand auf der Brust, im Gesicht oder in den Haaren erzeugt eine Sicherheit in der Selbstwahrnehmung. Denn unser Gehirn braucht immer wieder ein update der Landkarte des Körpers. Da das Gehirn nicht zwischen echtem Schmerz im Körper und Schmerz in Form von Leid bei anderen oder durch die reine Vorstellung unterscheiden kann, ist Berührung lebenswichtig.
Dabei geht es nicht um möglichst viel Berührung, sondern um stimmige und freiwillige Berührung. Es geht darum wieder mehr Verbindung zu sich selbst wahrzunehmen.
4. Präsenz, weil Nervensysteme miteinander in Beziehung treten
Menschen regulieren sich nicht nur allein, sondern auch durch andere, besonders, wenn sie uns nahestehen. Vielleicht kennst du das Gefühl, nach einem ruhigen Gespräch entspannter zu sein – obwohl keine Lösung gefunden wurde. Oder du hast erlebt, wie beruhigend die Anwesenheit eines Menschen sein kann, der nichts fordert und einfach da bleibt. Dieses Phänomen wird als Co-Regulation beschrieben. Unser Körper nimmt unbewusst Signale wahr: den Tonfall, die Atmung, das Tempo der Bewegungen oder die Atmosphäre eines Gegenübers.Gerade deshalb können unterstützende Beziehungen, therapeutische Begleitung oder verlässliche Kontakte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, wieder mehr Sicherheit zu erleben.
5. Bewegung, weil der Körper sich ausdrücken muss
Bewegung ist mehr als Aktivität. Sie ist eine grundlegende Form körperlicher Selbstregulation. Viele Menschen bemerken, dass Spannung sich verändert, sobald sie sich bewegen. durch Gehen, Dehnen, Tanzen oder sanfte Körperübungen.
Aus der longevity Forschung wissen wir, dass das Gehirn auf die Koordination des Körper ausgerichtet ist. Ein Körper, der nicht bewegt oder berührt wird und nicht wahrnimmt, lässt das Gehirn dumm werden. Wir brauchen den Wechsel zwischen Aktivierung und Ruhe und Bewegung kann dabei helfen, diesen natürlichen Wechsel wieder zugänglich zu machen.
„Use it or loose it“- was nicht gebraucht wird, wird abgebaut und das gilt für das Gehirn ebenso wie für Muskeln oder Empfindsamkeit. Es geht nicht darum, sich auszupowern oder etwas „wegzumachen“. Oft entsteht Veränderung gerade durch langsame, bewusste Bewegungen und die Erlaubnis, dem eigenen Tempo zu folgen.
Heilung beginnt im Körper, weil dort auch die Wunden sind
Alle Erfahrungen von Verletzungen, Wunden und Trauma sind im Körper verankert. Natürlich gibt es auch unangenehme Erinnerungen oder unwillkürliche Flash backs, aber nichts davon wäre schlimm für uns, wenn wir damit keine Reaktion oder zumindest eine Erfahrung im Körper hätten. Deswegen reagiert unser Nervensystem auch disreguliert, wenn wir eine reine Körpererfahrung haben. Wir sind gestresst, wenn es zu heiß, zu kalt ist oder wenn wir Hunger haben. Oder wenn wir im Raum den Stress anderer spüren, denn der Gehirn und Körper sind unzertrennbar Empfänger und Sender zur gleichen Zeit.
Unser Nervensystem arbeitet nicht gegen uns. Es versucht fortlaufend einzuschätzen, was wir brauchen, um uns zu schützen und zu orientieren. Gedanken, Reflexion und Gespräche können wichtige Wege sein. Gleichzeitig entsteht Sicherheit nicht allein im Kopf, sondern auch über Erfahrungen im Körper. Gerade die Kombination von positiven Sätzen und körperlichen Erfahrungen wie Bewegung und vor allem auch Klopfen sind wissenschaftlich erwiesen höchst wirkungsvoll. Die Körperwahrnehmung ist der Schlüssel für unsere Wahrheit. Je besser wir verstehen, wie unser Nervensystem auf Sicherheit reagiert, desto leichter kann daraus ein Gefühl entstehen, nicht gegen den eigenen Körper arbeiten zu müssen, sondern mit ihm.